Ein Beispiel patientengefährdender IT

Eingeschränkte ärztliche Versorgung bei uns durch CGM-Update-Fehler - Patientenwohl gefährdet

Mit einigen Wochen Verzögerung ist nun die Korrektur des fehlerhaften Updates zu Diagnosezusätzen bei der Dauerdiagnosenübernahme erfolgt. Leider wurden nicht die Fehler komplett korrigiert, sodass ich jetzt > 1500 Patientenakten einzeln durchgegangen bin und die Fehler in unseren sehr wichtigen Diagnoselisten einzeln händisch korrigieren musste. Unterbrochen wurde viele Schritt durch weitere Fehlermeldungen, die ich ebenfalls händisch wegklicken musste. Hier wurde ich zu zehntausenden Arbeitsschritten gezwungen, damit wir wieder ordentlich arbeiten können und Sie auch in Zukunft nicht mit leereren Händen zum Facharzt oder ins Krankenhaus müssen. Diese vermeidbare Arbeit hat mich in der letzten Woche fast 38 zusätzliche (!) Arbeitsstunden gekostet. Leider habe ich die Woche wieder die 100-Stunden-Marke gerissen - etwas, was ich mir und meiner Famiile gesagt habe, sowas soll nicht mehr vorkommen. Leider konnte ich diese Arbeit nicht delegieren, da mein ärztlich Wissen wichtig war. Der finanzielle Schaden, der für mich entsteht, ist zweitrangig, werde ich aber ggf. einklagen. Der Zeitverlust ist enorm und ärgert mich. Leider musste ich doch enorm viel Zeit beim Schlaf sowie bei meiner jungen Familie einsparen. Ich habe weitere Zeit bei Pflegeheimbesuchen eingespart, habe also auch die Patienten nach Krankenhausaufenthalt und bei Erstaufnahme nicht visitiert, obwohl dies sinnvoll, vielleicht auch nötig gewesen wäre. Auch in der Praxis habe ich in der ärztlichen Versorgung hier vor Ort Zeit einsparen müssen. Geplante Fortbildung habe ich auch mal wieder streichen müssen. Aufwendige Rehaanträge musste ich abblocken lassen und auf die Facharztpraxen verweisen. Arztbriefe habe ich schneller bearbeiten müssen und hatte keine Zeit bei einigen Unklarheiten in der Klinik nachzuhaken. Meine Mitarbeiterinnen waren angewiesen besonders streng zu filtern, stets mit dem Risiko, dem einen oder dem anderen Patient nicht gerecht zu werden. Ca. 50 Menschen hatte ich versprochen, sie im Verlauf noch anzurufen. Nicht erfolgt. Auch meine Liste von sog. Wackelkandidaten, die ich vor Urlaub sonst noch mal durchgehe, um sie in trockenen Tüchern in die Vertretungsphase zu geben, ist dieses Mal nicht erfolgt. Auch habe ich meine Liste an sog. Wackelkandidaten vor dem Urlaub nicht mehr durcharbeiten können. In der Nacht von Freitag auf Samstag habe ich dann nach Abschluss der Reparaturarbeiten die Arbeit ruhen lassen. Es ging einfach nicht mehr. Ja, ich hätte ich auch den gesamten Samstag noch durchackern können, hätte aber nur einen Bruchteil der nichterledigten Arbeit geschafft. Und der Samstag war meinen Kindern versprochen worden, nachdem ich sie die Woche fast nicht gesehen habe trotz örtlicher Nähe.

Dieser Updatefehler hat eindeutig die die Patientenversorgung verschlechtert! Die Verantwortlichkeit liegt nach meiner Einschätzung bei der CompuGroup Medical. Wiederholt habe ich berichtet, wie dysfunktionale IT-Systeme uns das Arbeiten erschweren. Leider bleibt bei mir der Eindruck, dass diese Fehler bei der gutbezahlten Firma anfangs nicht so ernst genommen wurden wie nötig. Dies deutet sich an in Telefonaten sowie der Verzögerung der nötigen Reaktion. Dieser massive Fehler hätte meines Erachtens a) nie passieren dürfen in einem ordentlichem Validierungsprozess und b) hätte deutlich rascher ein funktionierendes Update erstellt werden müssen. Bevor man Updates massenhaft an Praxen versendet, müssen diese m.E. besser getestet werden. Im Verlauf, nachdem ich mich bei mehreren Akteuren beschwert habe, kam es wenigstens zu Gesprächen, die fortgesetzt werden.

Natürlich überlege ich den Anbieter endlich zu wechseln, der mir ständig versucht teils mit Faxen, teils mit Hochglanzprospekten neuen Kram anzubieten und mich mit einigen Aussagen zum Konnektorenskandal überrascht. Aktuell habe ich aber weder Zeit noch Nerven, einen Systemwechsel durchzuführen.

Manche, die dies jetzt lesen, mögen sich fragen, ob durch diese m.E. zunehmende und unnötige Ablenkung durch immer mehr Bürokratie, immer mehr Klicks in immer mehr Programmem Patientenwohl gefährdet ist, Menschen also ein erhöhtes Risiko haben, Schaden zu erleiden. Antwort: Ja. selbstverständlich! Wir werden in unserer Arbeit behindert. Das liegt nicht nur an IT-Firmen, das liegt auch an Programmen der Krankenkassen und Vorgaben von anderen Akteuren. Immer häufiger starre ich auf dem Bildschirm, als dass ich mir die Patienten ansehe. Das stört auch mich. Es ist zu viel des Guten! Der Bogen ist überspannt. Und diese Fehler bei der Übernahme der Dauerdiagnosen hat die Situation noch einmal verschärft. Ich frage mich immer wieder, wozu diese Neuheit gut sein soll und warum dann so ein krasser Fehler viel zu spät korriegiert wird. Das frustriert und behindert uns bei der Arbeit und schreckt junge Ärzte ab Hausarztstellen zu besetzen. All dieser Schall und Rauch, der da erzeugt wird, verbessert nicht die Gesamtsituation. Wenn man einem Arzt z.B. kräftig gegen den Notfallkoffer tritt und auch dessen Notfallmedikamente durcheinanderwürfelt, verbessert das auch nicht die Versorgung. Glücklicherweise bin ich aber Hausarzt geworden, da wird mehr verziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es durch verminderte Zeit für Patienten zu einem schweren Schaden kommt, ist deutlich geringer als noch an meinen vorherigen Arbeitsplätzen in der stationären Akutversorgung. Dennoch fühlt es sich nicht gut an. Aber meistens, nur nicht immer, geht es gut. Es ist ungeheuerlich, wie sich insgesamt die Versorgungssituation verschlechtert und wir weiterhin Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Kleine Praxen, die weniger auf Synergieeffekte setzen können, kann man so wunderbar an den Rand, ggf. ganz verdrängen.

5 Vorwürfe, die ich bei diesem Problem (und es ist nicht das einzige Problem, sondern aktuell mein größtes Ärgernis im Umgang mit IT)
dem laut Wikipedia börsennotierten, Eintausendmillionen-Euro-Umsatz-Softwareunternehmen CompuGroup Medical mache - mit u.a. MEDISTAR ein großer Player in der Praxis-IT-Branche

1. ) dass so etwas Fehlerhaftes rausgeschickt wird. So ein grober Fehler hätte bei gründlicher Prüfung gesehen werden müssen, das war nicht schicksalshaft
2.) dass wir über diesen Fehler nicht rasch und klar informiert wurden, dass es also ein Problem gibt, sodass wir unseren Umgang mit den Dauerdiagnosen hätten anpassen können. Stattdessen sind wir hier über einen recht langen Zeitraum ins offene Messer gelaufen.
3.) dass es so unverständlich lange gedauert hat, bis es ein Korrektur-Update gab
4. ) dass auch das Korrektur-Update nicht alle Fehler behoben hat
5.) dass auch dieser Fehler wiederum nicht an mich als Nutzer
kommuniziert wurde, sondern ich erneut darauf aufmerksam machen musste

Liebe Verantwortlichen bei der CGM: Auch wenn Sie mit MEDISTAR ein großer Player in der IT-Branche sind, es geht hier nicht um z.B. Computerspiele oder Kinoticket-Buchungssysteme - es geht hier um Software, die wir bei der täglichen Versorgung unserer Patientinnen und Patienten nutzen und auch nutzen müssen. Die Zeit, die uns durch diese Fehler gestohlen wird, sparen wir ggf. bei unseren Patienten ein. IT soll uns helfen in der Patientenversorgung. Leider entsteht der Eindruck, dass Gewinnmaxierung Priorät hat. Es geht hier aber um Gesundheit, es geht um Menschen.