Man überschütte uns mit Gold!

31.07.2022 - hier in den Post kopiert, zuvor auf der Frontseite

 

DPA-Meldung im Weser-Kurier; 21.07.2022

Digitalisierung

400 Millionen Euro extra für Arztpraxen

 

Man überschüttet uns mit Geld! 

400 Millionen Euro!

Man überschütte uns mit Gold!!

 

Jetzt kann ich doch noch den Spieker kaufen, komplett renovieren und samstags direkt vor der Haustür auf den Mini-Golfplatz gehen!?

 

Paradox: Während wir das Gesundheitssystem digitalisieren gehen uns in den Apotheken die Digitalispräparate aus.

 

Sehr unangenehm für einige Patientinnen und Patienten mit Herzschwäche. Manchmal ist da die Digitalisierung mit Digitalis die letze Wiese. Und blöderweise habe ich neulich wegen der Kinder unseren letzten Fingerhut aus dem Garten entfernt, sodass ich die Medikamente nicht mal in der Heideapotheke mörsern und anmischen lassen kann.

 

Beim Wort Digitalisierung juckt und zuckt mir immer stärker der Digitus medius.

 

Wir digitalisieren, um es u.a. Krankenkassen leichter zu machen. Es geht  u.a. um eAU und eRezept. Wo aber bleiben z.B. die eDiagnoselisten, die wirklich zu einer Verbesserung der Patientenversorgung beitragen würden? Wann wird uns Menschen, die direkt mit den Patient*innen arbeiten, endlich die Arbeit leichter gemacht?

 

Nicht nur, dass es eine Sauerei ist, dass einige IT-Firmen uns so dummdreist anlügen. Jetzt taucht in den meisten Zeitungsartikeln und auch in Stellungnahmen der Krankenkassen auf, dass wir Arztpraxen das Geld bekommen. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Menschen nur noch Überschriften lesen. Bekommen wir das Geld wirklich?

 

Ja, man gibt uns Geld. Damit wir das Geld an die Firmen de facto weiterleiten können, die nach meiner Rechtsauffassung für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Kostendeckend ist das, was man uns zahlen will auch nicht. Man könnte so viel Geld sparen und nützlicher einsetzen. Außerdem könnte man der Umwelt einen Gefallen tun, indem man die Umweltverschmutzung durch Elektroschott reduziert. Statt dessen bezahlt man die Firmen und beruhigt die Ärzteschaft, in dem man uns zum Teil die Kosten ersetzt, die dieser Irrsinn kostet. Und da die Gematik zu 51% dem Staat gehört und unsere Kassenärztliche Bundesvereinigung diesen umweltverschmutzenden Deal abgesegnet hat und einige Firmen sehr gut Geld damit verdienen, was ja wieder Steuern bringt, bleibt der große Aufschrei aus, wenn auch Klärung verlangt wird. In ein paar Wochen glätten sich vermutlich die Wogen und andere Demotivierungskampagnen und Niederlassungsabschreckungsinitiativen können fortgesetzt werden.

 

Direkt zum Heise-Artikel: "Das 300-Millionen-Grab"

 

Direkt zur Petition change.org Kein Konnektortausch, die ich wie auch einige Kolleginnen und Kollegen bereits unterschrieben habe. (Cave: Change.org nutzt/verkauft ggf. Ihre Daten)

 

Und hier direkt zum Post warum ich bei diesem Skandal an de ägyptischen Baumeister Numerobis aus "Asterix und Kleopatra" und an den zynischen Kliniksausdruck Tutanchamun-Transport denken muss Man überschütte uns mit Gold!

Das 300-Millionen-Grab

 Kennen Sie den mäßig talentierten ägyptischen Baumeister aus "Asterix und Kleopatra", den Kleopatra mit Gold überschüttet, nachdem er nur mit Hilfe einiger unbeugsamer Gallier  den neuen Palast fertiggestellt hat. Obelix "Da guckt aber noch ein Stück raus". Kleopatras Goldjunge "Wir kommen ja noch mal!"

 

Direkt zur Petition change.org Kein Konnektortausch,

die ich wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen bereits unterschrieben habe.  (Cave: Change.org nutzt/verkauft ggf. Ihre Daten.)

 

Weiter geht's mit dem alten Ägypten:

In der Klinik gibt es den zynischen Ausdruck des Tutanchamun-Transports. Der Titel des Heise-Artikels nach c't-Analyse: "300-Millionen-Grab ohne stichhaltige Gründe" hat mich an diesen Begriff mal wieder erinnert. Was ist ein Tutanchamun-Transport? Wenn ein dem Tode geweihter Patient, der mit vielen Monitoren und Schläuchen und etlichen Infusiomaten und laufender ECMO (Lungenersatztherapiegerät) versorgt ist, von drei Menschen in Schutzausrüstung blinkend und piepend über die Klinksflure z.B. ins CT gefahren wird und jeder der Anwesenden sich fragt, wozu dies dem Patienten noch von Nutzen sein soll, dann sprechen einige Menschen hinter vorgehaltener Hand von einem Tutanchamun-Transport. Soll heißen "teure Grabbeigaben". 

 

Es ist genügend Geld im System. Wir haben auch genügend Personal. Das Problem ist die Unter-, Über- und Fehlversorgung. Und es gibt genügend Bereiche, in denen man Geld einsparen könnte. Da kann jeder Physiotherapeut, Labormitarbeiter, Rettungsdienstler, Kliniks- und Praxismitarbeiter usw. etliche Beispiele bringen. Das Geld muss an die richtigen Stellen. Und das ist nicht so leicht, denn jedes Mal muss man jemanden an den Säckel. Natürlich braucht ein Mensch mit diätetisch eingstelltem Diabetes mellitus Typ 2  nicht alle 3 Monate eine Kontrolle, wenn der Blutzucker seit Jahren gut eingestellt ist. Dafür werden wir aber bezahlt. Also wird es gerne gemacht. Auch ist es sinnarm bei bekannter Schilddrüsenerkrankung ständig wieder die ganze Antikörperlatte zu bestimmen. Rechnet sich aber, wenn der entsprechenden Abteilung z.B. auch das dazugehörige Labor gehört. Es gibt Unmengen an Beispielen.

 

Jetzt zur IT und dem oben genannten Artikel. Wie wir im Rahmen der nötigen Digitalisierung abgelenkt, genervt, gemolken und an der Nase herumgeführt werden, geht auf keine Kuhhaut. Der oben genannte Artikel lässt einen weiteren Skandal vermuten. Wir sind das aber schon längst gewohnt und abgestumpft und so sehr mit anderen Themen beschäftigt, dass auch dies bald alles wieder im Sande verlaufen wird.

 

Wir wollen das Gesundheitssystem stärken, die Patientenversorgung verbessern. Dabei soll die Digitalisierung helfen. In vielen Ländern läuft es seit Jahren gut. Aber das Land der Ingenieure muss natürlich alles selbst und besser machen und scheint sich mal wieder kräftig zu übernehmen und dann die Zügel aus der Hand zu geben. Man zwingt uns z.B. zum Kauf von Konnektoren und bei der Aktivierung weiß schon jeder, dass dieses Projekt schon wieder zum großen Teil begraben ist. Man zieht es aber durch. Der Rubel muss rollen. Keiner will sich die Blöße geben. Wir bekommen wichtige Schreiben nicht mehr auf Papier, sondern per Mail, teilweise muss man sich extra in spezielle Accounts einwählen usw., angeblich alles, weil wir die Umwelt schützen wollen, aber parallel wird massenweise Elektroschrott produziert. Wunderbar! Sechs! Setzen!

 

Neben Kosten und Müll ist es schlimm, wie wir von der Arbeit abgehalten werden. Wieviel Zeit Ärztinnen und Ärzte und Praxispersonal aktuell mit IT-Hotline-Gesprächen verbringen, wieviel wir uns um diesen unausgereiften Digi-Dreck kümmern müssen, weil es hinten und vorne hakt und wir mit dysfunktionalen Programmen torpediert werden,  ist gesundheitsgefährdend.

 

Eine Neuigkeit, die mich aktuell auf die Palme bringt, weil sie mir meine Diagnoselisten (siehe Blauer Bogen) zerbröselt: Neu ist z.B. , dass wir jetzt bei JEDEM Patienten ALLE Langzeitdiagnosen im Laufe des Quartals ansehen sollen und sagen sollen, welche der Diagnosen in dem Quartal relevant waren. Und das in jedem Quartal erneut! Das System gibt das vor. Ist den Verantwortlichen bewusst, welche sinnlose Arbeit dies verursacht und uns vom Arbeiten abhält!? Jede Stunde, die ich damit verliere, muss ich bei meinem Patientinnen und Patienten und meiner Familie einsparen. Natürlich drücken fast alle Enter und übernehmen alle Diagnosen. Wo ist der Benefit? Unsere Diagnoselisten werden versaut, alles wird doppelt kopiert in meinem System. Das ist so, als müssten Sie immer wieder Ihre Icons auf Ihrem Desktop durchgehen, um zu sagen, was aktuell für Sie relevant ist. Weil es nervt, kopieren Sie Ihren gesamtem Desktop und haben alles doppelt. Verdammt noch mal, man braucht Übersicht zum Arbeiten! Und welches Hirn glaubt, dass, wenn jemand eine Lungenentzündung hat, uns nur die Lungenentzündung interessiert? Wenn ich nicht auch an die Herzkranzgefäßerkrankung und Herzinsuffizienz parallel denke und die Penicillinallergie mit einfließen lasse, was kommt denn dann für eine Therapie heraus? Wir sollen und wollen die sog. ganzheitliche Medizin praktizieren, was aber aus Zeitgründen kaum noch möglich ist, und jetzt sollen uns nun Bruchstücke rausfischen?!

 

Natürlich entsteht der Eindruck, dass dies nur eine Schikane ist, um Gelder zu kürzen. Kürzt meinetwegen die Gelder, aber nicht hinterrücks durch zusätzliche Stolpersteine! Wir werden alle demotiviert und unglücklicher, und das ist nicht gut. Das erinnert an die schlecht kommunizierte, inzwischen teilweise wieder zurückgenommene Kürzung einiger Abstrichziffern. Da habe ich mich gefühlt wie ein müder Feuerwehrmann, der weiterlöscht, um das Risiko eines Schwelbrandes zu minimieren und plötzlich kommt vorne kein Wasser mehr aus dem Schlauch raus und man dreht sich um und sieht, dass jemand den Wasserhahn zugedreht hat. Wollen wir wirklich alle demotivieren?

 

Bzgl. Langzeitdiagnosen und der nun geforderten wiederholten Überprüfung (sieht so Bürokratiebbau aus?) Die Langzeitdiagnosen lösen sog. Chronikerziffern aus, wie die 03220, die mit ca 15 Euro pro Quartal honoriert wird; und bei erneutem Kontakt kommen noch einmal ca. 5 Euro für die 03221 oben drauf. Also ca. 7 Euro mehr pro Monat zusätzlich für die Behandlung eines chronisch kranken Patienten. Wenn man jetzt durch diese Neuigkeit im System eine Diagnose vergisst, also nicht anklickt, hat die Kasse die 7 Euro gespart. Jetzt kommt noch das Sahnehäuptchen. Die Übernahme dieser Diagnosen funktioniert, wenn man z.B. bei einer Patienten die Diagnose "Brustkrebs links" verschlüsselt. Wenn man aber in meinem System noch Zusatzinformation dokumentiert, die z.B. dem Arzt in der Rettungsstelle helfen bei einer Komplikation, in diesem Beispiel"Brustkrebs links (Erstdiagnose Mai 2020, Art des Tumors, Lymphknotenstatus und Aussage zu Metastasen, OP Juni 2020, Bestrahlung bis XY, letzte Kontrolle Juni 2022 ohne pathologischen Befund)", dann kann unser IT-System das nicht! Die Diagnose wird zerschossen, weil es bei längerem Text einen Zeilenumbruch gibt und das überfordert das System. Die Ziffer wird also gelöscht. Kurzfristig kann das schön für eine Krankenkasse sein, da sie 20 Euro gespart hat. Mich nervt es enorm und macht mir unnütze Arbeit. Und wenn durch das Chaos oder durch Resignation der engagierten Menschen die Versorgung der Patientin verschlechtert wird, ist das für die Patientin schlecht und häufig auch teuer für die Kasse.

 

Gestern habe ich mehrere Telefonate führen müssen, bis jemand überhaupt das Problem als ein solches erkannt hat! Das passiert, wenn Menschen Entscheidungen treffen, die nicht verstehen, wie man gute Medizin macht. Menschen lassen sich einfach nicht auf ein paar Codes reduzieren! Medizin zu digitalisieren wird den Menschen nicht immer gerecht, Sie sind mehr als eine Nummer! Ein Update zu August 2022 solle diesen Fehler nun endlich beheben.

 

Liebe Leute, man kann doch nicht Pseudoinnovationen so schlecht geprüft in die Praxen spülen. Das ist gesundheitsgefährdend, es ist hoch unethisch! Interessant ist, dass ich kein Schuldbewusstsein sehen kann. Da scheint nicht verstanden zu werden, dass sowas massive Konsequenzen für Patient*innen haben kann. Wenn ich einem Piloten meinen Kaffee über die Cockpit-Ausstattung kippe, ist das auch nicht gut für die Passagiere. Ich würde mich bei so einem dramatischen Fehler in Grund und Boden schämen. Hier scheint nicht mal mehr ein  Verständnis zu bestehen, dass dies ein echtes Problem ist für Ärztinnen und Ärzte ist, die Patient*innen mit mehr als einer Einweisung ins Krankenhaus schicken. Auch eine Einweisung und drei mit Briefen und Befunden gefüllte Aktenordner schafft nicht die Qualität, die komprimierte Information schafft, nämlich wenn man die Diagnosen spezifiziert.

 

Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, eine der aktuellen Gelbe-Schein-Innovationen. Das läuft wenigstens bei uns. Halleluja! Da haben wir Glück gehabt! Bis zu 50 Prozent der Praxen sollen aber teils drastische Probleme haben. Bei einigen läuft es gar nicht. Auch hier startet man etwas, was alles andere als ausgereift ist. Kein Mensch würde so etwas in der Luftfahrt akzeptieren!

 

Bei uns stürzen keine Jumbojets auf einmal ab. Wir füllen die Jumbojets sukzessive mit Opfern. Das fällt weniger auf.

 

Medizin, so hieß es einmal, sei eine Geisteswissenschaft, die mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet. Es wurde dann irgendwann eine Naturwissenschaft, die sich nach finanziellen Gesichtspunkten ausrichtet. Die Drehtüren und Hamsterräder in Praxen und Kliniken drehen sich immer schneller. Aktuell entsteht der Eindruck, dass wir jetzt auch noch durch immer mehr IT angefixt werden und uns immer abhängiger machen und man uns besser kontrollieren und steuern kann. Die Patientenversorgung wird nicht ansatzweise in dem Maße verbessert, wie es der Aufwand, die Kosten und der Ärger verlangt.

 

Wir Ärztinnen und Ärzte lernen immer mehr über technische Feinheiten und Managementstrategien und unser Wissen über Firewalls, Konnektoren und IT-Lizenzen steigt und steigt. Die medizinische Qualität sinkt. Es ist beunruhigend welche Entwicklung ich hier in nur fünf Jahren beobachten konnte. Ich hoffe nicht, dass wir alle irgendwann bei medizinischen Problemen nur noch Suchmaschinen kontaktieren und uns per Algorithmen diagnostzieren und therapieren lassen, wenn aber der Computer mal Probleme macht, wir uns an unseren Hausarzt des Vertrauens wenden, der sich mit sowas ja nun immer besser auskennt.

 

Die 300 Millionen Euro, die in diesem einem Beispiel möglicherweise verpulvert werden und dieser große Haufen Elektroschrott sind nur ein Teil des Problems. Der Schaden, der bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten aktuell und in Zukunft verursacht wird, ist nicht zu beziffern. Leidtragende sind wir, die wir im Gesundheitswesen arbeiten und Sie als Patientinnen und Patienten.

 

Munter bleiben!

 

PS: da capo! Direkt zur Petition change.org Kein Konnektortausch (Cave: Change.org nutzt/verkauft ggf. Ihre Daten.)

 

Nachtrag: Heise-Folgeartikel  nach Gematik-Antwort; 23.07.2022: nach c't-Analyse: Gematik verteidigt Konnektortausch, Ärzte fordern Klärung