Primaten der Ökonomie

Mal wieder frei von der Leber - zwischen Arztbriefen und vor den 6-Uhr-Abstrichen:

Soeben habe ich den ersten Arztbrief hier aus der Gegend gelesen, der von einem sog. Physician assistant unterschrieben wurde. Die Physician assistants sollen Ärztinnen und Ärzte in ihrer Arbeit entlasten. Dies erscheint sinnvoll. Vieles kann und muss man delegieren. Ärztinnen und Ärzte sind überlastet und das verschlechtert auf vielen Wegen die Versorgungsqualität.

 

Auffällig ist, dass der Brief vom Chefarzt, Oberarzt und Physician assistant unterschrieben ist. Eine Unterschrift eines Assistenzarztes gibt es nicht.

 

Wird hier langsam ärztliches Personal durch Physican assistants ersetzt? Möglicherweise. Diese Befürchtung gibt es schon seit einger Zeit. Ich bin pessimistisch. Wir schaffen es nicht mehr in Deutschland, junge Ärztinnen und Ärzte auszubilden oder bei der Stange zu halten. Der "Mittelbau Assistenzärzte" droht wegzubrechen. Das Abfischen von Ärztinnen und Ärzten aus auch ärztlich unterversorgen Ländern ist gang und gäbe. Oberärzte und Chefärzte stehen zunehmend unter Druck des Finanzdirektors. Der gut ausgebildete Stationsarzt war und ist gerne das Korrektiv, wenn der Eindruck entsteht, dass zunehmend Zahlen über den Patienten stehen. Sog. Altassistenten, die auf Oberarztniveau arbeiten, werden seltener. Das besondere an einem fundierten Medizinstudiums ist u.a., dass wir in der Lage sind Entscheidungen und Empfehlungen kritisch zu hinterfragen und uns Primärliteratur anzusehen und zu verstehen, wenn z.B. der Eindruck entsteht, dass in Leitliniengremien der Lobbyist nahe dem Tisch steht und einflüstert oder Klinikskonzerne Einfluss nehmen. Die Zunahme der sog. Money-Driven-Medicine wurde und wird auch auf Assistenzarztebene zumindest gebremst. Ein ordentlicher Mittelbau erscheint wichtig für das Haus Gesundheitssystem. Dieser wird ausgedünnt, bröckelt weg.

 

Auch direkten Kontakt zu Assistenzärzten zu bekommen, um über Patienten zu sprechen, ist schwierig. Ein paar Versuche meinerseits sind gescheitert. E-Mailadressen oder Telefonnummer von Assistenzärzten habe ich keine. Mehrfach wurde ich darauf hingewiesen, besser den Kontakt via Ober- oder Chefarzt zu suchen. Ein paar Kommentare bzgl. "Mittelbau Assistenärzte" am Telefon von Ober- und Chefärzten, die ich hier nicht zitieren möchte, sagten wenig Beruhigendes aus.

 

Es kommt nicht primär darauf an, ob das Essen auf Station gut, Fenster geputzt, die Zimmer groß sind und ob die Ärztinnen und Ärzte immer nett sind oder fließend Deutsch sprechen und schreiben. Das alles ist wünschenswert. Qualität zu erkennen ist nicht so einfach für den Laien. Das ist wie mit dem Design eines Computer oder eleganten Weinflaschen mit ansprechendem Etikett. Nicht leicht, auch für uns Ärztinnen und Ärzte nicht, die aus Entfernung beurteilen müssen. Die Kunst ist z.B. nicht nur der operative Eingriff oder die medikamentöse Therapie, sondern die Entscheidung, ob der Eingriff wirklich nötig ist. Ein gängiger Spruch in der Klinik ist "Operieren oder Antibiotika zu verschreiben, dass kann man jedem dressierten Affen beibringen. Die Kunst ist es zu entscheiden, bei wem es nötig ist und bei wem nicht." Oder wie Eugen Roth vor ca. 100 Jahren schon schrieb "Der Doktor greif im Notfall ein - Es muss nicht gleich ein Eingriff sein!"

 

Die aktuellen Entwicklungen überraschen nicht. Versorgung durch Physician assistants wird zunehmen. Nicht alles ist schlecht. Dennoch sollte es dabei bleiben, dass Physician assistants assistieren und nicht ersetzen. Sonst müssten sie ja Physician replacement oder Physician substitute heissen.

 

Dass der Gesundheitssektor zunehmend dem Primat der Ökonomie unterstellt wird, führt zu weiteren Veränderungen, die wir nicht kommentarlos hinnehmen müssen. Die Ausdünnung der wenig lukrativen internistischen nicht-interventionellen Medizin und die Konzentration auf geldbringende operative/interventionelle Fächer großer Klinikskonzerne spüren wir im Alltag. Wir müssen nicht weit schauen um zu sehen, wie Abteilungen aufgstellt sind und wo Assistenz-, Ober- und Chefärztinnen und -ärzte mit den Füßen abstimmen.

 

Man muss sich nur die Lage vorstellen, in der Bundeswehr oder Polizei das Geld, das sie kosten, wieder eintreiben müssten.

 

Wenn man dort die Primaten der Ökonomie ans Steuer ließe, da wäre was los! Durchaus ein Grund den eigenen opponierbaren Daumen auszufahren.

 

Munter bleiben!