Ein Hoch auf den Nachwuchs

Hier mal ein Post zu unseren großartigen Studentinnen und Studenten.

 

Zu Beginn des Studiums sind fast alle Studierenden motiviert und voller Idealismus. Dies lässt im Studium etwas nach, in der Facharztausbildung noch deutlicher. Dies liegt selten an den jungen Menschen, sondern meist an den aktuellen Arbeits- und Ausbildungsbedingungen.

 

Junge Ärztinnen und Ärzte gut auszubilden und für den Beruf zu begeistern ist wichtig.

 

2-3x pro Jahr geben wir jungen Menschen die Möglichkeit bei uns Praktika und Famulaturen durchzuführen. Auch andere Praxen im Landkreis sind aktiv. So bekommen Studierende von der Medizinischen Hochschule Hannover im Rahmen der sog. Landpartie die Chance, in eine Hausarztpraxis hineinzuschnuppern. Das macht Arbeit, aber auch Freude und es ist sinnvoll. Es ist wie damals bei Schulfeten: Beim Organisieren und später beim Aufräumen trifft man meist auf dieselben Leute. Und auch die Arbeit hat damals meist Spaß gemacht.

 

Diese Famulaturen sind auch für die Praxen sehr zeitaufwendig. Wartezeiten für Patient*innen nehmen weier zu und aufgrund der verlangsamten Patientenversorgung können ggf. sogar weniger Patienten behandelt werden sind sie auch in gewissem Maße kostspielig. Von den Studierenden selbstorganisierte Famulaturen, wie bei uns in den letzten zwei Jahren ausschließlich erfolgt,  werden die Ausbilderpraxen gar nicht entlohnt. Von der Hochschule Hannover gibt es für Praxen, die an der Landpartie teilnehmen, immerhin ca. 40 Euro pro Ausbildungstag, vor Steuern. Das macht nach Steuern ca. 2 Euro für das eigene Portemonnaie pro Stunde, also dtl. weniger, als z.B. ein Klavierlehrer bekommt. Aber um das Geld geht es nicht, wir verdienen genug. Warum kann so ein Praktikum den Ablauf einer Praxis verlangsamen? Weil die Praktika und Famulaturen recht kurz  sind und man niemanden ins kalte Wasser werfen sollte und die Studierenden gut angelernt werden müssen. Weil das komplette Durchsprechen der Fälle einfach Zeit kostet und zwei Mediziner selten exakt einer Meinung sind, und das gehört ausdiskutiert. Weil auch aus didaktischen Gründen weniger Abkürzungen in der Anamnese und Diagnostik genommen werden, zu denen man im Alltag sonst gezwungen ist. Und wir lernen voneinander. Medizin an der Uni ist was anderes als Medizin im Praxisalltag. Nicht alles, worauf ein im Labor stehnender Professor wert liegt, hat große Relevanz im reellen Leben. Es ist spannend, wie alles im Fluss ist und auch sich manchmal Medizin im Kreis dreht.

 

So dauert es, wenn wir Studierende haben, noch mal ein bisschen länger, als unsere Patient*innen es eh schon gewöhnt sind. Die meisten haben diesbezüglich ein dickes Fell bekommen und immer mehr Menschen nehmen ein dickes Buch oder eine Powerbank mit ins Wartezimmer. Insgesamt kommt die Ausbildung aber auch den Patientinnen und Patienten und deren Kindern zugute. Meist in der Zukunft, aber auch mal direkt vor Ort im Jetzt. Sehr gut erinnere ich mich an den jungen Mann mit lebensgefährlicher Erkrankung, der noch zuvor ohne großes Ergebnis stationär abgeklärt worden ist. Die Erkrankung ist hier nur aufgrund penibler Untersuchung zusammen mit der Studentin diagnostiziert worden. Im stressigen Alltag alleine wäre so jemand ggf. durchs Netz gerutscht, was in der Medizin sehr gefährlich sein kann aber in der Natur der Sache liegt.

 

Was junge Studierende hier lernen, werden sie ihr gesamtes Leben nicht vergessen. Wir können als Lehrende weit länger Patientenversorgung verbessern, als wir aktiv unseren Beruf ausüben. Noch jetzt kann ich mich glasklar an Ratschläge meiner Ausbilder*innen erinnern, die teilweise schon in Rente sind. Vieles, was man im Studium lernt, verinnerlich man. Und Sprüche wie "Befunde springen einen an", "die Blutsenkungsgeschwindigkeit gehört in den Arztbrief diktiert" und "wenn Du  im EKG Moorrüben siehst, denke an den kompletten Linksschenkelblock" gebe ich gerne an unsere Studierenden weiter.

 

Ein großes Dankeschön an die tollen Studierenden, die hier in den letzten 5 Jahren in der Praxis waren. Lisa, die aufgrund von Corona nicht zum Forschen nach Malawi konnte, sondern dann durch ihre Doktormutter in Tarmstedt landete, war schon vier mal hier und schreibt aktuell ihr Examen. Den verpassten Malawi-Studienaufenthalt konnte sie zwischenzeitlich nachholen. Lennard, der hier dem größten  deutschen Tollwut-Expositionsfall der letzten Jahrzehnte mitbegleitet hat, habe ich erst letzte Woche wieder getroffe. Wir sammeln große Feldsteine um die Wette und er wird regelmäßig ermuntert, sich  irgendwann hier in der Nähe niederzulassen. In zehn Jahren sehen wir, ob die Hoffnung sich erfüllt. Michel, dessen Pflasterkenntnisse das Risiko für Stürze auf dem Parkplatz und der Rampe drastisch reduziert  haben, hat noch große Pläne. Aber in 10-15 Jahren wird auch er merken, dass selbstbestimmtes Arbeiten auf dem Land doch seins ist und man seine Kinder, häufiger zu sehen bekommt. Isabel scheint erst einmal in der Schweiz glücklich zu sein, aber vielleicht entscheidet sie sich doch noch irgendwann für das Arbeiten in einer Hausarztpraxis; und ganz sicher wird sie bei Osler-Knötchen diese niemals als Pickelchen abtun, sondern die bakterielle Endokarditis in die Differenzialdiagnose mit einbeziehen. Paul, nach einem Jahr Forschung zu Ostern endlich aus seinem Labor in München herausgekommen ist, war diese Woche erstmalig nach seiner Famulatur zu Besuch in Tarmstedt - meine Mitarbeiterinnen erwarten ihn schon sehnsüchtig - niemand richtet Drucker so zuverlässig ein wie er. Gescheitert ist es heute am frisch gespachtelten Laborfußboden, sodass er nicht an den Rechner kam. Paul wird wieder kommen, hat er versprochen. Alle Studierenden konnte ich nicht nennen, weitere werden folgen.

 

Diese Verbindungen zu den jungen angehenden Ärztinnen und Ärzte sind wunderbar und wir lernen alle voneinander. Noch Jahre später erkundigen sich Studenten nach dem Wohlergehen "ihrer" Patienten. Die Smartphone-Fortbildunggruppe geht weiter via unserer  End-zu-End-verschlüsselten Threema-Gruppe namens "Grundschule Tarmstedt". Und die Studierenden geben weier Hinweise zum aktuellen Stand der Wissenschaft und was sie gerade in ihrer Ausbildung gelernt haben, wovon auch ich sehr profitiere. Denn außerhalb der Klinik ist man doch etwas ab vom Schuss. Denn auch die Fortbildung als Hausarzt kommt leider deutlich zu kurz. In der Klinik gab es wöchentliche Fortbildung "direkt vom Forscherteam und den besten Klinikern". Viele sog. Fortbildungen am Wochenende jetzt als Hausarzt sind weiterhin mehr oder weniger versteckte Werbeveranstaltungen von Firmen und auch die meisten Journale, die man bekommt, sind werbefinanziert und somit kritisch sehr zu hinterfragen. Auch das Deutsche Ärzteblatt ist vollgepackt mit Werbung. Wie ich bemerkt habe, ist die Werbung sogar auf den Arbeitsplatz zugeschnitten. In der Klinik sahen viele Werbeseiten ganz anders aus.  Und die Zeit für Fortbildung ist einfach knapp in der aktuellen Zeit aufgrund der Arbeitslast. Corona hat die Situation deutlich verschärft, sodass ich im letzten Jahr leider nur zwei Zertifkate erworben habe:  nämlich ein Radladerfahrer-Zertfikat aus der Rothensteiner Straße sowie ein Genesen-Zertfikat des Landkreises Rotenburg (Wümme).

 

Da sind unsere Mediziner-Chats deutlich erfolgreicher in der Fortbilung als so mancher firmengesponserte Kongress. Täglich tauschen wir uns aus, diskutieren besondere Fälle. Nicht immer kann die richtige Diagnose und Therapie gefunden werden, aber die Quote ist besser. Kritik wird nicht als Majestätsbeleidigung verstanden, sondern ist in den Threema-Gruppen gewollt. Vernetzung ist wichtig. Und wir haben sie längst umgesetzt - für fast umme - im Gegensatz zur kostspieligen Vernetzung "von oben" in der von mir so geliebten Telematik Infrastruktur, die bis dato nicht ordentlich funktioniert. Ohne die "online-Ratschläge" von Kolleginnen und Kollegen und die kritischen Fragen der Studierenden wäre das Leben als Hausarzt schwieriger.

 

Wir sind sehr froh immer wieder neue Studierende hier begrüßen zu dürfen, auch wenn wir uns auf 2, max. 3 x pro Jahr beschränken müssen. Mehr schaffen wir einfach nicht.

 

Man kann noch so viele finanzielle Anreize schaffen für eine Niederlassung. Menschen im Studium Geld zu bieten, dass sie sich hier später niederlassen? Das Geld geht nur an die, die eh planen hier Arzt zu werden - z.B. Menschen, die bereits eine Familie haben und sich recht spät für ein Medizinstudium entschieden haben. Sowas nennt man den Mitnahmeeffekt, erhöht aber nicht wirklich die Arztdichte. Aber man hat was gemacht. Begeisterung schafft man nur mit guter Ausbildung, erträglichen Arbeitsdingungen und verständnisvollen Patientinnen und Patienten.

 

Dafür auch ein Danke an die "mitspielenden" Patientinnen und Patienten. Nur in Ausnahmefällen wurden Patienten hier ausfällig wie "Ich habe beim Doktor einen Termin, NICHT bei Ihnen!!!" Fast alle Patienten waren sehr hilfsbereit beim "Studentenunterricht" und haben sich freiwillig vom Studieren voruntersuchen oder nachschallen lassen. Sie waren einverstanden als Demonstrationspatient zu dienen, wie z.B. unser Patient mit sog. Situs inversus schon mehrfach von Studierenden untersucht und  geschallt wurde und mehrfach sich hat ein EKG kleben lassen - und sich die Unnützes-Wissen-Geschichte schon mehrfach anhören musste, warum Dr. No, bekannt u.a. aus dem ersten James Bond Film, die geplante Hinrichtung durch die chinesische Mafia überlebt hat. Situs inversus halt. Die Rache-Kugel, da er die Triaden bestohlen hatte, ging in die linke Brust, die Herzspitze zeigte bei ihm aber nach rechts - Lungenschuss statt Herzschuss - überlebt! :)

 

Vielen Dank an unsere Studentinnen und Studenten der letzten fast 5 Jahre. Und vielen Dank an meine Mitarbeiterinnen, die vieles erklären und sich in Geduld üben, wenn es im Sprechzimmer dann logorrhöbedingt mal länger dauert. Und Danke an unsere Patientinnen und Patienten für das Verständnis und die Unterstützung.

 

Ärztinnen und Ärzte müssen ausgebildet, nicht verheizt werden. Lehre tut not. Wir werden sehen, wie wir die Basisversorgung im Land in den nächsten Jahrzehnten hinbekommen und wie man es schafft, ausreichend gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte in die Niederlassung zu bekommen, ohne alle mehr oder weniger grün von der Uni abzufischen. Sie sollten in Krankenhäusern und Praxen ausreichend Erfahrung sammeln, bevor sie ohne Supervision eines Oberarztes frei entscheiden müssen.

 

Und wenn sich eine unserer Studentinnen oder einer unserer Studenten in den nächsten 15 Jahren hier niederlässt, hat es sich auch für die Samtgemeinde gelohnt.