COVID-19-Engangement und Impfstatistik

Einge mögen sich fragen, warum wir so viel Aktivitäten angeboten haben bzgl. COVID-19-Impfungen. Der Hauptgrund ist klar: wir möchten nicht, dass unsere Patientinnen und Patienten an einer potenziell gefährlichen Krankheit leiden, deren schwere Verläufe man durch eine Impfung in den meisten Fällen abwenden kann. Impfungen gehören nach sauberem Wasser und noch weit vor z.B. OPs, Intensivtherapien und Antibiotikatherapien zu den medizinschen Interventionen, die weltweit den meisten Menschen das Leben gerettet haben. So häufig wird der sog. Schulmedizin vorgeworfen, dass sie sich nur um Symptome kümmert und die Vorbeugung vernachlässigt. Mit den Impfungen haben wir eine vorbeugende Möglichkeit eine Erkrankung zu verhindern und diese Möglichkeit sollten wir nutzen.

 

Außerdem befinden wir uns noch einer Pandemie mit Maßnahmen, die ich als freiheitsliebender Mensch so schnell es geht beendet sehen möchte. So schnell es geht, aber bitte dann langsam, Schritt für Schritt und nicht plötzlich mitten im Herbst, wie unser Vorsitzende Herr Gassen neulich leider forderte. Schleusen öffnet man auch langsam und nicht abrupt. Jede Pandemie bringt einen sehr großen Kollateralschaden mit sich, den es gering zu halten gilt. Und je schneller Schutz in der Breite besteht, desto geringer fällt der Schaden aus. Die medizinische Versorgung hat in den letzten 1 1/2 Jahren gelitten. Dies haben wir auch hier in der Region im ambulanten und im stationären Sektor gespürt. Viele Menschen in Praxen, Pflegediensten, Notaufnahmen, Normal- und Intensivstationen sind müde und ich mach mir große Sorgen, dass motivierte Mitarbeiter*Innen abwandern. Pflegekräfte und ärztliches Personal retten sich in Nischen. In Krankenhäusern konnte ich immer wieder erleben, wie teilweise die besten Pflegekräfte plötzlich "Study Nurse", "Qualitäts- oder Wundmanager*In" oder sonst was wurden. Alles nicht unwichtig. Aber die Menschen hinterlassen Lücken, die kaum noch zu schließen sind.Es ist verständlich, wenn Menschen nach Jahren endlich aus der Schusslinie treten möchten, da Gesundheit, Familie und Freundschaften leiden. Aber die fehlenden Fachkräfte „an der Gesundheitsfront“ rücken nicht einfach nach. Es geht einfach nichts über eine mitdenkende, fleissige Pflegekraft auf Normalstation. Schonen wir die, die über Monate viel geleistet haben, in einer Zeit, in der in Krankenhäusern eh alles auf Kante genäht ist. Wir diskutieren so enorm viel über unterschiedliche Medikamente, die häufig nur marginale Unterschiede in der Wirkung haben (der deutlichste Unterschiede ist nicht selten der Preis). Halten es für unethisch, wenn man das Zweitbeste nimmt. Aber die Unterschiede auf Stationen bzgl. Ausbildung, Versorgungsqualität und Personalschlüssel, auf die kommt es an. Warum ist es nicht unethisch nur eine Nachtschwester für eine Station zu haben oder Jungärzte nahezu unbetreut zu lassen, die dann statt geführt à la "Jugend forscht" ihre Erfahrunge machen. Ich schweife ab.

 

Auch hier in der Praxis sind wir froh, wenn wir weniger COVID-19-Patient*Innen betreuen müssen. Der Aufwand dieser Betreuung kann enorm sein, weit über der Versorung eines normalen Infekts hinaus. Es gibt viel Fragen und Rückfragen und Angehörige und Arbeitskolleg*Innen melden sich. Es ist immer schwierig abzuschätzen, wer ins Krankenhaus muss und wer nicht. Eine Verschlechterung kündigt sich kaum an und geschieht dann häufig rasch. Im letzten Jahr hatten wir einige COVID-19-Patient*Innen, denen wir Sättigungsgeräte geliehen, hinterhertelefoniert haben usw. Und von den wenigen Patientinnen und Patienten, die hier an COVID-19 erkrankt waren, haben wir prozentual einen recht hohen Anteil an Menschen gehabt, die noch Monate später unter der Erkrankung gelitten haben. Das möchten wir dieses Jahr nicht mehr sehen -  und haben gute Hoffnung, dass das so sein wird.

 

Also einge Gründe, warum wir so aktiv waren, an der Grenze zur Überaktivität. Und dann gibt es noch den wissenschaftlich-interessierten Part in mir. Mich interessiert einfach wie hoch man die Impfquote schrauben kann, wenn man dicht am Ball bleibt, vielleicht sogar hier und da nahezu hypoman agiert und alles auf die Spitze treibt. Seit langem wurde vor einer Pandemie gewarnt. Viele hielten es für Panikmache. Erfahrungen mit Ausbrüchen und Motivationsstrategien haben wir in den letzten Jahren im Ausland gesammelt. Kommunikation, bestehendes und fehlendes Vertrauen in Autoritäten, Widerstände, Einbindung von lokalen Autoritäten, Verschwörungstheorien, Spaltungen innerhalb der Familien und im Freundeskreis, Rufe nach drakonischen Strafen, unerwartete Unterstützung von zuvor nahezu Unbekannten usw. Für mich ist es sehr interessant, wieviele Parallelen man ziehen kann zur Ausbruchsdynamik und dem Verhalten der Bevölkerung zwischen vorherigen Ausbrüchen und aktuell. Dies wird nicht die letzte Pandemie sein. Aktuell lernen wir auch viel über Situationen in der Zukunft. Meine Mitarbeiterinnen haben also wiederholt Menschen motiviert. Sie waren unheimlich engagiert, haben geplant, vermittelt, geackert und noch abends Menschen angerufen und gewartet, um nicht restliche Impfdosen verwerfen zu müssen. Wir haben immer wieder aufgeklärt. Es gab Info via Homepage, Antworten zu häufigen Fragen, meine ganz persönlichen Einschätzungen zu Maßnahmen usw. Es gab sogar einen kleinen Aufruf via Zevener Zeitung mit der Bitte uns über den Impfstatus zu informieren, um uns die Arbeit zu erleichtern. Dies war sicherlich etwas sehr Außergewöhnliches, was nicht allen passte. Aber auch das war nicht nur eine flinke Idee, sondern geschah bewusst. Erst einmal hat mich interessiert, wieviele man dann noch bewegen kann. Das Resultat war mau. Des Weiteren ging es um Aufmerksamkeit für eine Sache - nämlich Zusammenarbeit und dass es nötig ist zu sehen, wo man steht und was noch geplant werden muss. Und wenn Menschen etwas nicht so passt oder verwundert, wird darüber gesprochen oder auch gelästert. Soll heißen: "Spread the news".  Und so kann niemand, der nicht ein Mindestmaß an Zusammenarbeit schafft sagen, er habe nicht gewusst, dass wir auch die Mithilfe unserer Patientinnen und Patienten wünschen und brauchen. Das alles hat mir vermutlich einen Anruf und einen Brief der Ärztekammer beschert. Man hat sich freundlich erkundigt, warum wir dies alles tun und wollte sicher gehen, dass wir nicht Impfverweigerer, also eine Gesellschaftsschicht, von der ärztlichen Versorgung ausschließen. Natürlich nicht. Man hat sich am Telefon meine Erklärung angehört und für nachvollziehbar befunden und gesagt, dass somit alles in Ordnung sei. Auch auf eine schriftliche Stellungnahme hat man verzichtet, da ich ja auch explizit geschrieben habe, dass man sehr wohl sich gegen eine Impfung entscheiden kann, ich lediglich Zusammenarbeit und entsprechende Kommunikation während einer Pandemie erwarte. Hier noch einmal für alle: Ich erwarte in einer Patienten-Arzt-Beziehung ein Mindestmaß an Zusammenarbeit. Jeder bringt seinen Anteil. Aber niemand muss sich impfen lassen! Ich bin kein Arzt, der Impfverweigerer ausschließt. Ich bin auch gegen eine allgemeine Impfpflicht, auch wenn diese Einschätzung meinerseits nicht in Stein gemeißelt ist. Impfpflichten können erst einmal punktuell effektiv wirken. Es gibt aber viele Daten die zeigen, dass die, die gegen ihren Willen geimpft wurden, sich "ihre Freiheit" woanders wiederholen, z.B. Folgeimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis u.a. dann nicht wahrmehmen oder gar klassische medizinische Versorgung für sich ablehnen und Alternativen suchen . Außerdem bin ich eh gegen zu viele Vorschriften. Natürlich habe ich vor Patient*Innen meinen Unmut geäußert, wenn z.B. Menschen beruflich mit vielen alten Menschen arbeiten und gerade diese Mitarbeiter*Innen eine Impfung abgelehnt haben. Die Freiheit meine Meinung zu äußern, dass ich es für nicht sozial halte, andere Menschen bewusst einem Risiko auszusetzen, nehme ich mir. Dies betraf eine Zeit, in der wir noch nicht alle Menschen impfen konntenn wegen Impfstoffmangel. Die Situation hat sich jetzt überholt, sodass ich da jetzt entspannter bin.

 

Wir hören häufig von Impfgegnern. Die ganz krassen bekommt man nicht überzeugt, das ist kein Insiderwissen mehr. Die ganz krassen Impfverweigerer sind aber die Minderheit, wenn auch eine sehr laute und aktive Minderheit. Es gibt viele, die abwarten, zögern, sich Sorgen machen. Und da spielen Hausarztpraxen eine wichtige Rolle. Da können wir die Impfquote positiv beeinflussen. Hausarztpraxen genießen ein recht hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Es wird manchmal übersehen, dass wir Praxen eine entscheidende Rolle spielen können bzgl. Impfquote. Es macht einen Unterschied, ob man einen Impfung nur anbietet oder Menschen überzeugt, noch einmal nachfragt, auf Sorgen eingeht. Einige unserer zuerst anlehnenden Patient*Innen haben sich im Laufe der Zeit umentschieden für eine Impfung. Natürlich gibt es auch unter Hausärzten in unserem Landkreis sog. Skeptiker. Sehr wahrscheinlich ist dort die Impfquote deutlich schlechter. Über die letzten Monate habe ich ein paar Geschichten von Menschen Patienten gehört die zeigen, dass wir nicht alle an einem Strang ziehen, was schade ist. Dies stellt aber sicherlich auch nur eine Minderheit dar.

 

Wir haben hier einige Wochenenden und Abende geopfert, um möglichst viele Menschen zu überzeugen und ihnen Impftermine anzubieten. Insgesamt hat es sich gelohnt. Wir haben eine gute Quote, mit der wir in den Winter gehen, sodass ich davon ausgehe, dass in unserer Praxis der Kollateralschaden den direkten COVID-19-Schaden sogar übertreffen wird. Dies ist rein prozentrual zu sehen. Wenn nur noch wenige erkranken und es kaum schwere Verläufe gibt, wiegt Unterversorgung durch z.B. schwierigere Versorgung während einer Pandemie schwerer.

 

Über die letzten Wochen haben Mitarbeiter*Innen meiner Praxis sehr viele Telefonate geführt. Unterstützungen gab es von Familie, Freunden, Nachbarn und mir vorher kaum bekannte Menschen haben geholfen. Zuletzt habe ich noch meine Schwester offiziell angestellt, die lange Listen durchgegangen ist. In weniger als 20 Fällen gibt es noch Patient*Innen, die noch mit einer Impfung abwarten möchten. Natürlich frage ich mich, wie lange man noch auf was warten möchte. Aber dies ist immerhin eine Aussage, mit der ich leben kann. Ärgerlicher als eine impfzögernde oder ablehnende Haltung empfinde ich die Trägheit, der man immer wieder begegnet. So haben wir Menschen teilweise mehrfach kontaktiert und auf Anrufbeantworter und Mailbox gesprochen mit der Bitte sich zu melden und den Impfwunsch durchzugeben. Wenn die sich trotzdem nicht gemeldet haben und dann im Rahmen einer normalen Vorstellung bei einer Erkrankung bei Frage nach dem Grund des Nichtzurückmeldens vor mir saßen und müde mit den Schulter zuckten und ich ein gelangeweiltes "weiß nicht" oder "kein Bock" zu hören bekam, lässt das Zweifel in mir hochsteigen. Aber ingesamt ist es doch eine kleine Gruppe. Ca. 25 Menschen haben sich nicht gemeldet, trotz Hinterlassen einer Nachricht. Ca. 40 Menschen haben wir einfach nicht erreicht. U.a. Telefonnummer veraltet, gar keine Nummer vorliegend, sicherlich sind einige schon weggezogen oder sind nicht mehr Patient*Innen dieser Praxis. Vielleicht sind auch ein paar Impfgegner dabei, die dies nicht sagen möchten. Da möchte ich aber die Sorge nehmen. Niemand wird rausgeworfen oder schlecht versorgt, nur weil ich eine andere Überzeugung habe.

 

Jetzt aber zur Statistik. Ich gehe nur auf die über 18-jährigen ein. Ich bin ein Befürworter der Impfung von Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche können selbstverständlich auch solidarisch agieren und sich impfen lassen und sie profitieren auch davon, nicht aber in dem Maße, indem z.B. Menschen über 60 von der Impfung profitieren. Also freue ich mich über jeden unter 18, der sich impfen lässt, vermeide aber deutliche Überzeugungsarbeit zu leisten. Insgesamt haben wir Impfungen bei Kindern und Jugendlichen im niedrigen dreistelligen Bereich durchgeführt. Sicherlich wurden auch einige bei Kinder- und Jugendärzten geimpft.

 

Jetzt die Statistik, die ich mit ein paar Filtern erstellt habe und ich nicht ausschließen kann, ob hier oder da der Impf-Status bei einer Person nicht exakt ist oder Menschen durchs Raster gefallen sind. Solche Zahlen, die hier stehen sind nicht als repräsentativ zu werten. Man kann damit nicht auf die hiesige Bevölkerung zurückschließen, da es z.B. viele Menschen gibt, die keinen festen Hausarzt haben oder einfach seit Jahren nicht mehr beim Arzt waren. Impfinfo ist nur von Patient*innen direkt gekommen, es gibt keinen Informationsaustausch zwischen z.B. Impfzentren und Praxen. Auch werden Zahlen verzerrt durch den sog. Selection Bias. Natürlich sind uns die Geimpften besser bekannt, als die Nicht-Geimpften, mit denen wir keinen Kontakt hatten. Vielleicht sind Menschen, die zum Hausarzt gehen auch eher Menschen, die sich impfen lassen. Ich weiß es nicht. Erstellt habe ich die Zahlen nach bestem Wissen und Gewissen:

 

Von den erwachsenen Menschen, die Patienten dieser Praxis sind (=den Praxisfragebogen  ausgefüllt haben), die wir ereicht haben und von denen wir den Impfstatus kennen, haben wir bei den 18- bis 59-jährigen 95,7% geimpft. Bei den über 60-jährigen liegt nach meinen Berechnungen die Quote bei 98,5%. Dies sind meine Daten, die ich aktuell habe. Vermutlich ist die Quote niedriger. Auf jeden Fall gehe ich davon aus, dass unsere Impfquote der Erwachsenen bei über 90% liegt. Erst am Donnerstag haben sich drei ehemals überzeugte Nichtimpfer impfen lassen, sodass die Quote noch leicht ansteigen wird.

 

Es bleibt dabei - diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen und sollten nicht zitiert werden. Jeder Statistiker und Epidemiologe würde vermutlich nur müde lächeln.

 

Das Delta zum Bundesdurchschnitt ist aber deutlich. Wir hätten also in diesem Land mit mehr Engangement vermutlich mehr erreichen können. Aussagen von Ärztinnen udn Ärzten sind überzeugender als z.B. eine Anzeige oder ein Video des Gesundheitsministeriums.  Hat leider nicht geklappt, wie erhofft. Unsere Impfquote in Deutschland ist und bleibt vorerst miserabel. Der Unterschied 70% zu 90% klingt zwar nicht sehr stark. Eindrücklicher, und wichtiger für eine Risikokalkulation ist der Unterschied 30% Ungeimpfte zu 10% Ungeimpfte. Noch deutlicher klingt es wenn man vergleicht und dann einfach "300% Prozent" sagt. Durch die insgesamt schlechte Impfquote haben wir nun leider einen weiteren durchwachsenen Herbst und Winter vor uns. Das hätte verhindert werden können. Die Schuld liegt nicht nur bei "den Politikern" oder "den sozialen Medien". Die Ursachen dieser schlechten Quote haben wir als Gesellschaft zu einem gewissen Teil mitzuverantworten. Es ist multifaktoriell, komplex, schwierig zu durchschauen, es ist aber nicht aussichtslos. Wir selbst können unseren Teil beitragen, und der Teil kann nicht nur messbar, sondern auch deutlich sein. Somit haben wir zumindest in der Praxis einen guten Gemeinschaftsschutz und wenn der Abstand in der Praxis bei Regen oder Schnee mal nicht perfekt eingehalten wurde, ist es wahrscheinlich gar nicht mehr so schlimm. Auch andere Praxen der Samtgemeinde haben sehr fleissig geimpft, sodass ich die Situation für unsere Dörfer der SG hier als positiv einschätze.

 

Danke an alle, die mitgeholfen haben!