Gut gemeint, schlecht gemacht ?!?

spontan geschrieben, nachdem ich sehe, wie meine Mitarbeiterinnen gerade von der Arbeit abgehalten werden - bitte entschuldigen Sie Tippfehler und mäßige Strukturierung des langes Texts - sie sind es aber vermutlich gewohnt :)

 

Für ein kurzes Schreiben habe ich leider wie immer keine Zeit!

 

 

Offizielle Berechtigungsschreiben zur Schutzimpfung gegen das SARS-CoV-2-Virus gehen gerade in großem Stil an Patientinnen und Patienten. Nach meiner Einschätzung helfen diese Schreiben nicht bei unseren Anstrengungen, sondern behindern uns bei der Patientenversorgung. Diese Schreiben sind vermutich mithilfe von zentral gespeicherten ICD-Codes erstellt worden, die weder auf Aktualität noch Sinnhaftigkeit überprüft wurden, und sie haben noch weitere Schwächen. 

 

Bitte vermeiden Sie, uns zu mit diesen Schreiben zu belasten. Wir haben nur begrenzt Impfstoff und nicht jeder, der eine Berechtigung hat, kann gleich geimpft werden. Meines Erachtens gehört diese neue Diskussion um Berechtigungen nicht in die überlasteten Hausarztpraxen. Meine großartigen und sehr fleissigen Mitarbeiterinnen müssen täglich mit Menschen Diskussionen führen, die fälschlicherweise glauben, jetzt sofort geimpft werden zu können und dies teilweise einfordern.  Auch ich werde von morgens bis abends über verschiedene Kanäle kontaktiert mit Fragen und Wünschen diese Schreiben betreffend. Diese vermutlich aus Steuergeldern finanzierte Schreiben stören uns massiv bei unserer Arbeit.

 

Aktuell vertreten wir eine große Hausarztpraxis inklusiv der Pflegeheim- und Tumorpatienten. Wir führen Abstriche durch und impfen, so schnell es geht. Wir müssen ständig Mut zur Lücke beweisen, was uns auf die Füße fallen kann. Wir brauchen jede Minute. Was wir nicht brauchen, sind meines Erachtens nicht bis zum Ende durchdachte Aktionen. Wir haben keine Zeit für solche langen Diskussionen und es ist erschreckend, dass selbst nach einem Jahr uns offizielle Stellen mit solchem Aktionismus überraschen.

 

Wir haben unsere Priorisierungslisten mit viel Aufwand erstellt. Diese sind sicherlich nicht fehlerfrei, aber meines Erachtens deutlich besser als die Listen, die Grundlage für die verschickten Schreiben sind. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten. Ich habe mit viel Aufwand Diagnoselisten erstellt über die letzten drei Jahre, die zusammen mit meiner klinischen Erfahrung deutlich aussagekräftiger sind als diese offensichtlich filter- und algorithmusbasierten Schreiben.

 

Und ja, diese zentralen Priorisierungseinschätzungen basieren auf ärztlichen Codes und Diagnosen, die irgendwann und irgendwo verschlüsselt wurden. Sicherlich gibt es da immer wieder Fehler bei der Bürokratie, die wir zu leisten haben. Dies ist kein Argument die Verantwortlichkeit für dieses erneute vermeidbare Chaos an uns zurückzusenden. 

 

Nach meiner Einschätzung können diese Schreiben sogar gesundheitsgefährdend sein, da sie uns alle massiv bei der Arbeit beeinträchtigen. Wir haben weniger Zeit für unsere teils schwerkranken Patientinnen und Patienten. Überlastete ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte neigen dazu, Arbeit abzugeben und vermeidbare Einweisungen in Krankenhäuser zu veranlassen. Das Personal in den Krankenhäusern arbeitet dort bereits an der Belastungsgrenze. Seit Jahren wird in Krankenhäusern auf Kante genäht. Noch mehr Druck frustriert die engagierten Menschen dort und macht sie mürbe - mit entsprechenden Konsequenzen, die wir noch in Jahren spüren werden. Telefonisch ist kaum noch ein Durchkommen bei uns, weil Menschen uns von den Schreiben berichten und diskutieren. In einer Dringlichkeit können Patienten uns noch schlechter erreichen und wählen ggf. in der Not die 112 und belasten unsere Rettungsdieste und Krankenhäuser. Oder die Patienten warten zu lange ab, obwohl ein schnelles Agieren notwendig wäre. Unser Tag hat 24 Stunden, wir müssen uns unsere Zeit einteilen. Je weniger Zeit ich für Patientinnen und Patienten habe, desto größer das Risiko, dass etwas übersehen wird. Jede Verzögerung durch wenig durchdachte, nur scheinbar hilfreiche Aktionen kann zu mehr Verwirrung und Unmut und ggf. zu einer Verschlimmerumg der Pandemie führen mit all ihren direkten und indirekten Konsequenzen. Patienten und Mitarbeiter des Gesundheitswesens sind die Leittragenden. Der Pandemie-Kollateralschaden muss so niedrig wie möglich gehalten werden!

 

Des Weiteren kommen Patientinnen und Patienten in unsere Praxis, um über das Schreiben zu diskutieren. Praxen sind immer ein Risikoort, egal wie hoch die Sicherheitsstandards sind, da kranke Menschen auf kleinem Raum zusammenkommen und bei nicht jeder COVID-19 die klassischen Symptome auftreten. Es ist seit über einem Jahr bekannt, dass auch A- und Präsymptomatische Überträger sein können. Die Abstandsregeln etc. halten wir so gut es geht ein, wir wissen aber auch, dass die Regeln weitgehend gleich geblieben sind bei deutlich erhöhter Ansteckungsgefahr durch die B 1.1.7-Variante.

 

Jede Diskussion, teilweise emotional, führt zu Zeitverzögerung und Überlastung des engagierten Personals.

 

Leider weisst auch unser Interessensvertretung auf ihrer Homepage darauf hin, dass eine generelle Verweigerung der Impfung von diesen Patienten insofern problematisch ist, da uns möglicherweise Diagnosen nicht bekannt sind und im Falle einer schweren Erkrankung mangels Impfung wir möglicherweise das Risiko der Leistungsverweigerung trügen.

 

Mit dieser Aussage fühle ich mich nicht unterstützt! Ich sorge mich, dass ich im Falle eines Falles bei medicolegalen Schwierigkeiten die Verantwortung zu tragen habe. Dieses medicolegale Problem wurde erst durch diese Schreiben in die Welt gebracht. Somit machen diese Schreiben es uns Ärztinnnen und Ärzten noch schwerer pragmatische Entscheidungen zu treffen und lenken uns ab, weil viele glauben, sich juristisch absichern zu müssen.

 

Seit nun einem Jahr sind wir hochaktiv in der Bekämpfung des Ausbruches. Es ist anstrengend! Ich verlange Unterstützung durch pragmatische Lösungsansätze - und keine Störungen. Es sollte auch im niedersächsischen Interesse stehen, dass man motivierte Ärztinnen und Ärzte hier hält und -noch besser- weitere aufs Land lockt. Die sog. push factors in Krankenhäusern spielen uns aktuell in die Hände. Man muss die auf dem Absprung stehenden Kolleginnen und Kollegen jetzt dort abholen, damit sie in die Praxen auf dem Land wechseln und nicht in die Privatwirtschaft. Leider entsteht immer wieder der Eindruck, dass man kommuniziert alles zu tun, die Gesamtsituation zu verbessern. Mir fehlen aber spürbare Aktionen und Zeichen, die zeigen, dass man uns unterstützt und uns den Rücken stärkt. In diesem Fall arbeitet man uns nach meiner Einschätzung entgegen.

 

Danke!